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Akademische Freiheit und Science Diplomacy im Mittelpunkt der Eröffnung des Verbindungsbüros der UA Ruhr für Lateinamerika

Sechs sitzende Menschen bei einer Podiumsdiskussion © Felipe Mairowski​/​UA Ruhr
Drei Veranstaltungen prägten am 9. Juni 2025 die Feierlichkeiten zur offiziellen Eröffnung des Verbindungsbüros Lateinamerika der Universitätsallianz Ruhr (UA Ruhr), angesiedelt im Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH) in São Paulo. Nach einem Besuch des neuen Büros diskutierte die Delegation der UA Ruhr mit Gästen in der Universität São Paulo (USP) über akademische Freiheit und Demokratie. Ein abendlicher Empfang krönte das Programm.

Die Delegation aus zehn Vertretern der UA Ruhr wurde von Prof. Barbara Albert, Rektorin der Universität Duisburg-Essen (UDE), Prof. Martin Paul, Rektor der Ruhr-Universität Bochum (RUB), und Prof. Gerhard Schembecker, Prorektor für Finanzen der TU Dortmund in Vertretung des Rektors, Prof. Manfred Bayer, geleitet. Die drei Universitäten bilden die Universitätsallianz Ruhr. 

Insgesamt brachten die drei Aktivitäten mehr als 100 Forschende und Vertreter von Institutionen zusammen, darunter die Leiterin des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) in Brasilien und des DWIH São Paulo, Katharina Fourier, die Vertreterin der DFG (Deutschen Forschungsgemeinschaft) in Lateinamerika, Dr. Christina Peters, den Leiter des Fraunhofer Liaison Office Brazil, Dr. Manuel Steidle, die Direktorin von Germany Trade and Invest in Brasilien, Gloria Rose, den Präsident von Evonik Central & South America, Dr. Hendrik Schönfelder, den Executive Manager von Lanxess und gleichzeitig Vize-Präsident des Vereins der Deutschen Ingenieure (VDI Brasilien), Robert Madersdorfer, die Rektorin der Bundesuniversität Minas Gerais (UFMG), Prof. Sandra Almeida, und die Vize-Rektorin der Bundesuniversität São Paulo (UNIFESP), Prof. Lia Bittencourt.

Auch vertreten waren die Universitäten USP, UFABC, PUCRS und UFRJ, die Hochschule Unifai, das Forschungsinstitut Fiocruz, das Goethe-Institut (Regionalleitung Südamerika), die Brasilianische Akademie der Wissenschaft (ABC), die São Paulo Research Foundation (FAPESP) und das Landesministerium für Wissenschaft des Bundesstaates Paraná (SCTES).

Besuch im DWIH São Paulo 

Am Morgen wurde die Delegation im DWIH São Paulo von der Direktorin Katharina Fourier sowie dem Beiratsvorsitzenden des DWIH São Paulo, Sören Metz, dem Executive Director des UA Ruhr-Verbindungsbüros, Marcio Weichert, und dem wissenschaftlichen Direktor des UA Ruhr-Verbindungsbüros, Prof. Matthias Epple, empfangen. Nach Besichtigung des neuen Büros tauschten sich die Besucher und die Vertretende anderer Unterstützer des Wissenschaftshauses (DFG, Fraunhofer, TU München, FU Berlin, Uni Potsdam) über die Forschungs- und Hochschulzusammenarbeit zwischen Brasilien und Deutschland aus. Die strategische Bedeutung São Paulos in Lateinamerika wurde im Gespräch hervorgehoben, ebenso wie Herausforderungen wie die Steigerung der Sichtbarkeit beider Länder als akademische Standorte und Barrieren wie die Sprache. 

Eröffnungsveranstaltung zur akademischen Freiheit 

Im Anschluss daran fand eine Veranstaltung an der Universität São Paulo mit fast 90 Gästen aus Brasilien und Deutschland statt, bei der über akademischen Freiheit und Demokratie sowie deren Herausforderungen und Chancen diskutiert wurde. Unter Moderation durch den wissenschaftlichen Direktor des Verbindungsbüros Lateinamerika, Prof. Matthias Epple, wurde das Büros durch Rektorin Prof. Barbara Albert eröffnet. Grußworte hielten Prof. Sérgio Proença, Präsident der USP-Agentur für nationale und internationale akademische Zusammenarbeit (Aucani-USP), Dr. Christina Peters und Katharina Fourier.

Als Rektorin der für die Allianzvertretung zuständigen Universität hielt Prof. Barbara Albert die Eröffnungsrede. „Es ist uns eine große Freude, Vertretende vieler unserer Partnerinstitutionen hier begrüßen zu dürfen. Wir hoffen, dieses Netzwerk in Zukunft weiter stärken und ausbauen zu können. Neben wissenschaftlichen Kooperationen, Studierendenaustausch und Unternehmenskontakten sind wir sehr an Aktivitäten im Zusammenhang mit Innovations- und Technologieprojekten interessiert. Diese Themen sind wichtige Aspekte unserer Agenda an der UA Ruhr. Wir sind überzeugt, dass wissenschaftliche Kooperationen eine wesentliche Rolle bei der Stärkung der akademischen Freiheit und demokratischer Werte spielen“, sagte die Rektorin der Universität Duisburg-Essen.

Keynote der UFMG-Rektorin 

Nach der Vorstellung der Universitätsallianz durch Dr. Hans Stallmann, Koordinator der UA Ruhr, hielt die Rektorin der Bundesuniversität Minas Gerais, Prof. Sandra Almeida, einen Impulsvortrag zur akademischen Freiheit und Demokratie. Prof. Almeida hob aktuelle Angriffe auf Universitäten durch Regierungen weltweit hervor und betonte die grundlegende Rolle dieser Institutionen für den Erhalt der Demokratie.

„Universitäten sind viel mehr als nur Bildungseinrichtungen. Sie sind treibende Kräfte für sozialen und wirtschaftlichen Wandel. Sie sind Orte, an denen Wissen in die Tat umgesetzt wird, das uns in eine inklusivere, friedlichere und prosperierende Zukunft führt“, sagte sie. Prof. Almeida betonte, dass die Internationalisierung von Institutionen eine Möglichkeit sei, der Situation zu begegnen.

„Je sichtbarer man im In- und Ausland ist, desto mehr Unterstützung erhält man, um den Angriffen von allen Seiten zu begegnen. Diese Maßnahmen fördern auch kritisches Denken durch kulturelles Verständnis und Empathie. In der wissenschaftlichen und akademischen Zusammenarbeit teilen wir nicht nur Wissen, sondern auch Exzellenz.“ 

Für Almeida sind Austauschprogramme wie Erasmus ein Instrument zur Förderung von Frieden und Völkerverständigung in Europa. „Diese Art der Zusammenarbeit, sei es in Lehre, Forschung oder gesellschaftlichem Engagement, zwischen Ländern und im breiten Spektrum der Internationalisierung, kann zu einer schnelleren und breiteren Verbreitung von Wissen und bewährten Verfahren führen“, sagte die UFMG-Rektorin. 

Debatte 

Im Anschluss diskutierten Vertreter der UA Ruhr unter Moderation von Prof. Kornelia Freitag, Prorektorin für Lehre an der RUB, mit Prof. Almeida und Prof. Eduardo Zancul, Vizekoordinator von InovaUSP. Für Prof. Zancul liegt es an den akademischen Institutionen, den Status quo zu hinterfragen. Dafür sei Freiheit notwendig. „Wir müssen Forschung mit akademischer Freiheit und wissenschaftlicher Stringenz betreiben können, um neue Ideen hervorzubringen. Und wir brauchen auch das kritische Denken, wie im Vortrag angesprochen wurde. Aber wir müssen dies mit einer kritischen Haltung tun, um unsere Gesellschaft zu verbessern und neue Ideen zu ihrem Nutzen hervorzubringen“, sagte er. 

Prof. Albert betonte die Bedeutung von Universitäten für die internationale Zusammenarbeit: „Wissenschaft überwindet Grenzen. Kooperationen in Forschung und Lehre können aber nicht nur die beteiligten wissenschaftlichen Institutionen voranbringen, sondern darüber hinaus gesellschaftliche Wirkung entfalten und Impulse für eine nachhaltigere und friedliche Zukunft setzen."

Prof. Schembecker betonte, dass Wissenschaftsfreiheit auch bedeute, Fragen stellen zu dürfen, ohne um Erlaubnis bitten zu müssen. Dies sei ein Privileg, das mit Verantwortung einhergehe. „Unsere Forschung muss Antworten auf drängende Herausforderungen der Gesellschaft liefern. Dabei geht es auch um Resilienz, einschließlich Aspekten wie Demokratie, Umweltschutz oder Nachhaltigkeit. Solch komplexe Themen lassen sich nur in internationalen Netzwerken bearbeiten.” 

Für Prof. Paul ist das moderne Universitätskonzept das einer „vernetzten Universität“, in der Allianzen und Interaktionen die Institutionen stärken und zur Wahrung der akademischen Freiheit beitragen. „Wenn wir heute an Universitäten denken, sind wir vielleicht die letzten Institutionen in vielen Gesellschaften, die diese Autonomie noch genießen. Wir müssen auch unsere Geschichte und die Stärke betrachten, die wir über Jahrhunderte entwickelt haben und die nun zu schwinden droht. Deshalb versuchen wir als Universitätsallianz gemeinsam mit vielen anderen hier und heute, dieses Prinzip der Bewegungsfreiheit zu fördern, das eng mit der Meinungs- und Gedankenfreiheit verbunden ist. Dies sind Grundwerte, die wir aktiv verteidigen müssen", sagte er.

Prof. Almeida ihrerseits sagte, sie glaube an die Zusammenarbeit zwischen Universitäten, auch wenn dies übertrieben optimistisch klinge. „Ich sage normalerweise, dass ich als Rektorin nicht pessimistisch sein kann. Wenn ich mich pessimistisch zeige, wird jeder pessimistisch. Aber ich bin auch realistisch. Es gab einen Schriftsteller hier in Brasilien, der sagte: ‘Der Optimist ist ein Narr, der Pessimist ist langweilig.’ Deshalb zog er es vor, sowohl realistisch als auch ein wenig optimistisch zu sein. Genau das versuche ich auch. Wie kann man optimistisch sein? Indem man nach besseren Wegen der Zusammenarbeit sucht. Ich glaube an Zusammenarbeit. Ich habe mich viel für die internationale Zusammenarbeit engagiert. Dies ist der Weg in die Zukunft, und wir haben darin viel Potenzial“, sagte sie. 

 

Autor: Rafael Targino 

Korrektur und Ergänzungen: Marcio Weichert

 

Unter folgendem Link finden Sie ein Interview mit Prof. Dr. Barbara Albert, Rektorin der Universität Duisburg-Essen (UDE):

Interview mit Prof. Dr. Barbara Albert, Rektorin der UDE